Tourgedanken (3) – Gerechtigkeit

Endlich hat man ihn erwischt! Ganz ehrlich, so gefreut habe ich mich noch nie über einen Dopingfall. Da sitzt man vorm Fernseher und sieht diesen Riccardo Ricco, Spitzname Kobra, wie dieser am Berg allen davon fährt. Und möchte diesen Typen am liebsten vom Rad reißen, weil es völlig offensichtlich ist, dass da nicht alles sauber sein kann. Erstens kündigt dieser Fahrer, überhaupt als italienisches Großmaul bekannt, seinen Sieg schon Tage vorher an. Und dann fährt er völlig entspannt den Anstieg hoch, tritt dann einmal an und hängt alle ab. Ohne jede Mühe. Das kann kein sauberer Fahrer, so viel ist klar.

Und dann kommt immer wieder diese Geschichte. Der Herr Rico hätte von Natur aus einen so hohen Hämatokritwert, er hat ein Attest von der UCI dafür, das wäre alles ganz natürlich. Dass dies alles nur Lügen sind, ist ja jetzt endlich bewiesen worden.

Zum Glück hat sich sofort die gesamte Mannschaft Saunier Duval zurückgezogene. Diese Arschlöcher, man muss es so sagen, die die Etappe nach Hautacam versaut haben. Eine Etappe, die so schön und spannend hätte werden können. Die erste echte Bergankunft. Aber das Team Saunier Duval, im übrigen nicht unter den Teams, die sich zum Bündnis gegen Doping zusammen geschlossen haben, kündigte schon am Vortag an, welcher Fahrer gewinnen sollte. Und so kam es dann auch, man spielte Katz und Maus mit den anderen Fahrern. Und als Radsportliebhaber sitzt man dann fassungslos davor und fragt sich, wieso die heute noch sowas dürfen. Und ob die überhaupt ein Gewissen haben. Hoffentlich bekommen sie jetzt eine gerechte Strafe und man hört so schnell nichts mehr von dieser Mannschaft.

Tourgedanken (1)

Die ersten vier Etappen der diesjährigen Tour de France sind gefahren. Gestartet wurde diesmal mit einer richtigen Etappe statt eines Prologs. Meiner Meinung nach eine sehr gute Sache. Denn so ein Prolog, also ein kurzes Zeitfahren, hat sportlich gesehen recht wenig Wert. Und als Fernsehzuschauer hat man auch nichts davon. Nur für die Zuschauer an der Strecke ist das Ganze relativ spannend. Deswegen wurde die Prologe auch immer mehr aufgeblasen, zu riesigen Events. Aber so ein Spektakel wie letztes Jahr in London steht eben auch in Diskrepanz zum Stellenwert, die die Tour heute hat. Deswegen ist so ein Schritt zurück, ein Retro-Tourauftakt so zusagen, mit Sicherheit nicht falsch.

Nach dem ersten Zeitfahren gestern ist das Gesamtklassement auch erstmal sortiert worden. Und nun steht ein Deutscher ganz oben, darf also in Gelb fahren. Vor ein paar Jahren noch hätte die Presse diesen “Schumi auf dem Rad” mit solchen und ähnlichen Schlagzeilen in den Himmel gehoben. Heute wird erstmal die Vergangenheit des Radprofis durchleuchtet und die dunklen Flecken auf der Weste aufgezeigt. Kann man das in dieser Form gut heißen?

Meiner Meinung nach schon. Denn dieser Stefan Schumacher war nie ganz unumstritten. Zum einen sind da diversen Funde von Chemikalien in seinem Blut, die da nicht hingehören. Ebenso ein erhöhter Hämatokritwert kurz vor der WM 2007. Aber er wurde nie des Dopings schuldig gesprochen. Dann ist da aber noch eine zweite Sache, die mich persönlich an diesem Fahrer stört. Denn eigentlich hat der Herr Schumacher nichts im Profiradsport verloren, zumindest nicht zur Pollenflugzeit. Denn der Herr leidet unter starker Pollenallergie. Wie viele andere Radsportler auch. Denn die Medikamente gegen so eine Pollenallergie zählen eigentlich als Doping. Mit einem Attest kann man diese aber trotzdem nehmen. Der Herr Holczer, sportlicher Leiter des Teams Gerolsteiner, hat sich immer strikt gegen dieses “legale Doping” ausgesprochen. Hat immer gern auf die anderen geschimpft. Und dann den Herr Schumacher als Fahrer verpflichtet. Der meist kurz nach seiner Pollenallergiezeit seinen Leistungshöhepunkt hat. So wie eben gestern. Dagegen wollte der Herr Holczer einen Jörg Jaksche nicht verpflichtet, wegen ethischer Bedenken oder so. Weil der Herr Jaksche mal gedopt hat, dann aber gestanden und vor der Staatsanwaltschaft ausgepackt hat.
Dann viel Spaß mit dem gelben Trikot.

Aber es gibt auch Gutes zu berichten. So habe ich dank der Tour ein neues Schweizer Wort gelernt. Denn Exploit gibt es nicht nur im Englischen, sondern wird auch in der Schweiz verwendet, wenn es um den Sport geht. Nur werden solche großen Leistungssprünge im Radsport heute eher argwöhnisch, aber auf jeden Fall kritisch betrachtet. Zurecht. Ich hätte eh viel eher “dem Cancellara” den Sieg gegönnt, schon allein wegen dem Siegerinterview.

La Grande Boucle

Seit heute rollen die Räder wieder und surren über den Asphalt. Nicht nur in Frankreich, auch hier scheint das Radfahreraufkommen anzusteigen. Außerdem hat diese Tourzeit auch noch andere Nebeneffekte, die man als Radfahrer zu spüren bekommt. Plötzlich grüßen viel mehr Menschen, wenn man unterwegs ist. Weil so ein Radfahrer mit Helm wohl jetzt ganz anders wirkt. Überhaupt, um das mal nebenbei zu erwähnen, bin ich ja der Meinung, dass nur ein Radfahrer mit Helm auf dem Kopf als wirklich ambitionierter Radfahrer gilt. Denn so einen Helm trägt man entweder, weil man genau weiß, was ohne Helm passieren kann bei dieser Beschäftigung. Weil man es eventuell schon am eigenen Leib erfahren hat. Zu dieser Kategorie zähle ich auch. Oder man trägt ihn, weil man diesen Sport, oder als was man das Radfahrer eben betrachtet, so sehr liebt, dass man noch lange Zeit dieser Tätigkeit nachgehen möchte. Weil man insgeheim denkt, beim Radfahrern zu sterben wäre schon wunderbar, aber es muss noch nicht jetzt sein.
Aber zurück zu den Tournebenwirkungen. Man wird selbst von Fußgängern gegrüßt in diesen Zeiten. Ist wirklich wahr, ist mir heute passiert. Aber besonders schön sind die lächelnden Kindergesichter. Nur dieser kleine Junge, der heute Radfahren gelernt hat und angsterfüllt auf seinem kleinen Rad saß, weil er nicht wusste, wie er bremsen kann. Der sah nicht so glücklich aus, als wir uns begegneten.
Und es gibt sogar ein paar Autofahrer, die plötzlich etwas mehr Verständnis für einen Radfahrer zeigen. Sind zwar Ausnahmen und da der Radsport in den letzten Jahren an Bedeutung verloren hat, werden es auch immer weniger. Aber trotzdem ist es angenehm, nicht jedes Auto als potentielle Waffe sehen zu müssen.

Damit also zum heutigen Radsport. Ich gebe es gern zu, für mich ist es noch immer der großartigste Sport überhaupt. Und die Tour de France die wichtigste Veranstaltung. Ich habe mir heuer auch wieder ein Tour-Programmheft gekauft, was ich die letzten zwei Jahre nicht mehr gemacht hatte. Denn man muss es ganz klar sagen, es wird sehr viel von Seiten der Tourveranstalter im Kampf gegen das Doping getan. Und die Tour ist höchstwahrscheinlich das sauberste Radrennen derzeit. Und eben nicht so eine Farce wie es der Giro 2008 war.

Trotzdem bleibt die Frage, wie weit kann man den Fahrer trauen? Sind die Leute, die vorn dabei fahren können, denn sauber? Dazu einfach mal ein paar Worte zu zwei Fahrer aus dem Favoritenkreis. Alejandro Valverde hat ja bekanntlich heute die erste Etappe gewonnen und damit das gelbe Trikot erobert. Dieser Valverde steht aber auf der berühmt berüchtigten Fuentes-Liste und fuhr in Teams, die nachweislich von diesem Frauenarzt betreut wurden. Nein, an dem Satz ist nichts falsch. Aber es gab irgendeinen Deal und die Ermittlungen wurden eingestellt. Genaueres weiß man nicht.
Der Tourfavorit schlechthin für fast alle Experten ist aber (noch) der Australier Cadel Evans. Ein Name, der mir schon sehr, sehr lang bekannt ist. Cadel tauchte eines Tages im Mountain Bike-Zirkus auf, eigentlich aus dem Nichts, und fuhr alles in Grund und Boden. Und dies auf einem der hässlichsten und verachtenswertesten Räder überhaupt, einem Cannondale. Damals existierte aber das Wort Doping noch nicht im allgemeinen Wortschatz. Heute betrachtet man solche Leistungen, von denen es im MTB-Bereich nicht wenige gab in den letzten Jahren, mit anderen Augen. Was bestimmte Damen und Herren da an Leistungssprüngen hatten, war schon unglaublich. Auch ein Herr Rasmussen gehört zu diesem Kreis, der ja dieses Jahr nicht bei der Tour dabei sein darf, aber seine Teilnahme für nächstes Jahr wieder angedroht hat. Aber wir waren ja beim Cadel Evans, der irgendwann herausfand, dass man auf der Straße viel mehr Geld verdienen kann als im Gelände. Und so auf eben diese Straße wechselte. Anfangs mit sehr wenig Erfolg. Nicht weil ihm die Kraft oder Ausdauer fehlte, sondern weil er sich immer wieder auf den Asphalt schmiss. Weil der Typ einfach nicht im großen Feld fahren konnte. Und so saß er sehr oft am Straßenrand mit seinem weinerlichen Gesicht und gebrochenem Schlüsselbein. Bis er zu Mapei und später zu T-Mobile wechselte, zwei Mannschaften, in denen zu dieser Zeit systematisch gedopt wurde. Aber das Radfahren lehrte man ihm da auch und die Stürze wurden seltener.

Es ist also klar, beide Fahrer haben keine weiße Weste. Es ist aber auch so, dass beide, aber im besonderen Cadel Evans, mit absoluter Regelmäßigkeit immer einen oder mehrere schlechte Tage bei großen Rundfahrten hatten. Was wiederum gegen systematisches Doping sprechen würde, denn genau das soll dieses ja verhindern. Vielleicht vertragen sie das Doping aber auch einfach nicht so gut.

Man sollte das Ganze aber erstmal weiter beobachten. Und wenn wieder solche perversen Spielereien wie letztes Jahr an den Anstiegen abgehalten werden, ist die Sache klar. Dann heißt es wieder, sich dem Radsport ansich zu widmen und die Sieger links liegen zu lassen. Was wohl eh die gesündeste Einstellung ist, nicht nur in Hinsicht auf den Radsport, sondern den gesamten Leistungssport.

Aber bleiben wir noch kurz beim Radsport. Die Frage ist, hat sich wirklich etwas geändert seit dem letzten Jahr. Oberflächlich schon, schließlich fehlen einige Spitzenfahrer und ganze Mannschaften bei der Tour. Aber im Großen und Ganzen leider nicht, wie beispielsweise der Fall Jörg Jaksche sehr deutlich zeigt. Jaksche stand ebenfalls auf der Fuentes-Liste und hat nach einiger Zeit sein Doping auch gestanden und ist als Kronzeuge aufgetreten. Und was hat er heute davon? Seine Dopingsperre ist zwar abgelaufen und er könnte wieder Rennen fahren. Aber kein Rennstall wollte ihn verpflichten. Dazu muss man eigentlich nichts mehr sagen. Stattdessen geht die Entwicklung im Radsport in die komplett andere Richtung. Die Spitzenfahrer, die beim Doping erwischt werden, sitzen ihre Strafe brav ab. Und werden dann von zweitklassigen Teams verpflichtet, damit diese und die Sponsoren, die dahinter stehen, das schnelle Geld mit diesen machen können. Da steht man dann als Radsportfan leider machtlos daneben. Und möchte am liebsten kotzen.

Ebenso unangenehm ist der Umgang der deutschen Medien mit der Problematik. Unsere öffentlich-rechtlichen Sender berichten zwar wieder von der Tour de France. Aber jedes zweite Wort bei dieser sogenannten Berichterstattung ist “Doping”. Man soll das nicht falsch verstehen, natürlich soll und muss darüber berichtet werden. Aber wenn dann in der Tagesschau auf eine Reportage mit dem Untertitel “Ist sauberer Radsport möglich?” hingewiesen wird, möchte man am liebsten ganz laut schreien. Einfach deswegen, weil die Dopingproblematik von diesen Medien immer nur auf den Radsport beschränkt wird. Die wirkliche Frage ist doch: “Ist sauberer Leistungssport möglich?”. Aber diese Sender sind eben selbst teil des gesamten Systems, das merkt man deutlich. Ohne Spitzenleistungen gibt es keine hohe Einschaltquote. Und so wird eben alles auf den Radsport abgeschoben und in anderen Sportarten findet weiterhin das gemeinsame Geben von Alibis statt. Dabei ist es doch klar, dass keine Spitzenleistung heutzutage ohne medizinische Hilfsmittel mehr erzielt werden kann. Oder warum haben alle Ausdauersportler krankhaft hohe Hämatokrit-Werte. Ohne Ausnahme. Und ganz gleich ob es in der Leichtathletik, im Wintersport oder im Fußball, überall gehören medizinische Hilfsmittel dazu. Die Frage ist nur, ebenso im Radsport, was davon wird als Doping deklariert und welche Tests werden zugelassen, um die festgelegten Grenzen zu überprüfen. Das ganze System funktioniert so und wer das schnell ändern möchte, ist naiv. Vielleicht ist diese Lösung sogar die gesündeste, zumindest solange man eine allzu große Gefährdung der Gesundheit der Athleten ausschließen kann. Denn diese Athleten sind immer die armen Schweine. Diejenigen, die sich mit ihrer Berufswahl dafür entschieden haben, die Gewalt über ihren Körper in fremde Hände zu legen. Und so kann man auch die Reaktion eines Jan Ullrich jetzt verstehen, der sich von aller Welt im Stich gelassen sieht. Das Problem ist eben dabei, dass man die Zuschauern und Fans jahrelang belogen hat. Und es noch immer tut. Und das ist auch der Punkt, wo der Leistungssport/Profisport seine Daseinsberechtigung verloren hat.

Nun ist es natürlich schwer nachvollziehbar, warum ich mir das Ganze dann noch anschaue. Bei mir ist es zum einen natürlich die Liebe zum Fahrrad. Diese eigentlich ganz einfache Erfindung, in der aber so viel mehr steckt. Diese Maschine, mit deren Hilfe man relativ einfach hohe Geschwindigkeiten erreichen kann. Und das mit der eigenen Kraft. Und dazu noch seine Umwelt spürt. Den Wind, den Regen, die Hitze. Den Geruch der Natur. Heute roch der Wald beispielsweise ganz fruchtig und süßlich. Dazu steht man ständig in direktem Kontakt mit eben dieser Natur. Und ist völlig unabhängig, weil man einzig und allein Nahrung braucht, auf die man als Mensch ja eh angewiesen ist.
Und dann kann ich eben auch nachempfinden, welche Leistung diese Fahrer bei der Tour erbringen müssen. Denn ich kenne es, wenn die Beine schwer wie Blei sind. Wenn man sich einfach vom Rad fallen lassen möchte und trotzdem weiter tritt. Wenn man von Essen träumt, es schon riecht und schmeckt, aber noch kilometerweit fahren muss. Wenn man den Anstieg verflucht, nur um dann glücklich zu lächeln, wenn man ihn doch geschafft hat. Und dies alles erleben die Tourteilnehmer auch, ganz gleich ob mit oder ohne Doping.

Ach, ich könnte noch ewig weiter schreiben. Aber ich fürchte, es interessiert ja doch niemanden. Dafür freue ich mich schon auf meine nächste Radtour und auch auf das Tour schauen im TV. Auf Eurosport, natürlich.

Tief gesunken

Einer der jungen, hochgejubelten, weil als dopingfrei vermuteten T-Mobile-Fahrer, der diesen Sommer des Dopings überführt wurde, hat jetzt im Spiegel “ausgepackt”. Auch wenn in der Meldung auf Spiegel-Online nicht wirklich viel steht, ein Punkt wird trotzdem klar angesprochen. So ging der Impuls zum Doping von diesem Fahrer aus. Dem selben Fahrer, der jetzt die Kronzeugenregelung beansprucht, um so schnell wie möglich wieder Rennen fahren zu können. Da kommt mir die Galle hoch. Bitte Herr Sinkewitz, suchen Sie sich doch einen anderen Job, in dem Sie mit Ihrer dumm-dreisten Art erfolgreich sein können. Möglichkeiten gibt es da viele. Aber bleiben Sie dem Radsport fern! Man kann nur hoffen dass die Radsportfans und auch Fahrerkollegen eine entsprechende Antwort auf so ein Verhalten finden.

Heldentag

Also wenn sich dieses Gerücht wirklich bestätigt, wäre das sehr begrüßenswert. Einige Fahrer planen wohl am Sonntag einen Meter vorm dem Zielstrich vorzeitig die Tour de France zu beenden. Das wäre mal ein deutliches Zeichen, dass man es mit dem Kampf gegen das Doping ernst meint. Wer auch sich an dieser Aktion, sollte sie wirklich zustande kommen, beteiligt, für mich wären diese Fahrer die Helden der Tour 2007.
Die anderen Fahrer können sich ja gern in ihrer scheinheiligen Welt zu gewonnenen Trikots oder Platzierungen gratulieren lassen. Solange sie noch die Gelegenheit dazu haben.

Herr B. rettet den Radsport

Mir ist heute die Lösung für das Dopingproblem eingefallen. Man gibt das Doping frei, aber nur unter der Bedingung, dass völlige Transparenz gewährleistet ist. Soll heißen, alle müssen wissen, wer was und wie viel zu sich nimmt. Und dann soll der Zuschauer entscheiden, ob er lieber den sauberen Fahrern zujubelt, die aber dafür so gut wie keine Erfolge einfahren, oder den aufgepumpten Übermenschen.

So, kann ich mir das jetzt patentieren lassen?