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Sandmännchen

Tag der deutschen Einheit
Ich sollte hier vielleicht mal wieder was schreiben, glaub ich. Auch wenn es nicht viel Neues gibt. Und mir auch die Motivation fehlt.
Konzertmäßig gibt es eh nichts zu berichten. Und das wird sich voraussichtlich erst Ende des Monats ändern. Darauf freue ich mich schon sehr. Aber ob es dann dazu auch einen Bericht gibt, wage ich zu bezweifeln. Ich will das lieber voll und ganz genießen. In mich aufsaugen. Ja.
Heute war mein erster Arbeitstag. Seit ein paar Wochen. Und ich war froh darüber. Nicht weil die Arbeit so toll ist und ich die vermisst hätte. Nein, ich war froh über die Ablenkung. Und meine Zeit ohne Rivella ist vorbei. Zum Glück. Das Zeug tut gut. Ist natürlich nur eine Einbildung meinerseits, aber besser als nichts. Ich habe es echt vermisst. Vor allem wegen dem Gefühl, das mit dem Geschmack verbunden ist.
Morgen ist übrigens Tag der deutschen Einheit. Soll der Onkel Danny euch was dazu erzählen, Kinners? Also ich kann mich noch ganz gut an diese Zeit erinnern. Das war sehr aufregend für uns. Die Wende. Ich bin damals in die 6. Klasse gekommen. 1990. In den Sommerferien sind wir von der Schule aus an die Ostsee gefahren. Das besondere an der Fahrt war, dass wir zum ersten Mal mit Westgeld ausgestattet waren. Wo genau wir da waren, weiß ich nicht mehr. Irgendwo an der Ostsee. Da haben wir Ärger mit den Älteren bekommen, weil wir von denen eine Kassette mit unserer Musik überspielt hatten. Unsere Musik war rumtrommeln auf diversen Gegenständen und eigenartigen Laute dazu. Und eines Tages waren wir am Strand und der Mann unserer Klassenlehrerin hatte eine Bild-Zeitung. Da stand dann drin, dass man sich auf den 3. Oktober als Datum für die Wiedervereinigung geeinigt hatte. Mehr verbinde ich mit diesem Tag aber nicht. Es gab viele wichtigere Daten zur Wendezeit. Dieser 3. Oktober war einfach nur ein festgelegtes Datum. Ohne wirklichen Bezug. Man hätte lieber den Tag des Mauerfalls wählen sollen, das dachte ich mir schon damals. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
you’ll never walk alone
So, nachdem ich das Buch schon lesen durfte, möchte ich nun hier meine Meinung dazu kundtun.
Erstmal kurz zum Inhalt. Erzählt wird die Geschichte eines Jungen, der neben der ihm schon angehörigen Leidenschaft zum Fußball, dank seines großen Bruders, die zweite Liebe seines Lebens entdeckt, die Rockmusik. Und er seinem Bruder dabei hilft, eine schon verloren geglaubte Liebe wieder zu erlangen. Diese drei Dinge: Fußball, Rockmusik und Bruderliebe, bilden eine verwobene Einheit, welche die Kindheit des Protagonisten darstellt.
Was das besondere an diesem Buch ist, es nimmt einen mit auf eine Reise in die eigene Kindheit. Jedenfalls wenn man diese in einer Zeit erlebt hat, als man sich zum Fußball spielen noch nicht vor den Computer gesetzt hat. Und man entdeckt so viel Dinge und Begebenheiten, die man vielleicht schon lange wieder vergessen hatte. Und selbst wenn ich fünf Jahre jünger als der Flo bin; auf der anderen Seite der deutsch- deutschen Grenze aufgewachsen bin; wir “Club- Cola” oder Maracuja- Brause statt Sinalco getrunken haben; ich nur einen Lederball hatte, wenn mein Opi einen aus der Saale gefischt hatte und dann auch nur so lange, bis wir den wieder in dieselbe geschossen haben; meine fußballerische Karriere viel kürzer war, geschuldet der Tatsache, dass ich meine Brille in der Kabine lassen musste, da diese nicht zu Bruch gehen durfte; niemals jemand von uns ein eigenes Fußballtrikot hatte; ich von den erwähnten Bands damals noch gar nichts wusste; ich der große Bruder bin, der dem kleinen seinen Musikgeschmack vorgelebt hat; ich als Junge nie in einem Stadion war, sondern nur auf unserem Sportplatz und ich das Lied “there is a light that never goes out” gar nicht im Original kenne, sondern nur als Cover von Nada Surf (es aber trotzdem sehr schätze, wenn auch erst seit kurzem)… trotz all dem wird da ebenso meine Geschichte erzählt, meine Kindheit. Und die Kindheit aller Jungen, die mit aufgeschrammten Knien und grasbefleckten Hosen zwei Stunden zu spät nach Hause kamen, weil auf dem Bolzplatz mal wieder die Weltmeisterschaft ausgespielt werden musste. Oder die schon immer die weltbesten Luftgitarre Spieler waren, bevor es überhaupt einen Wettbewerb in dieser Disziplin gab.
Und dies alles wird in einer sehr lebendigen, humorvollen Sprache beschrieben, dass es eine wahre Freude ist. Der Autor pflegt bei den Wortspielen eine ebenso hohe Spielkultur, wie damals auf dem Fußballplatz. Die Metaphern werden wie Übersteiger eingesetzt, und trotz aller Schönspielerei wird am Ende doch das wichtige Tor gemacht. Und die Liebeserklärung an die Musik im vierten Kapitel ist so ein Moment. Ich habe in keiner Musikzeitschrift oder ähnlichem jemals etwas so leidenschaftliches und mitreißendes gelesen. Das sind Gänsehautmomente, so als würden die Bolzplatz Heroes “most important souvenir” zur richtigen Zeit am richtigen Ort auf die perfekte Art und Weise spielen.
Lange Rede, kurzer Sinn: Dieser Roman ist der Alfons Zitterbacke der Fußballmusikwelt.