Tourgedanken (5) – Medienrummel

Überall (bei den Medien, die ich zum Großteil kenne, ist das vor allem Spiegel Online) wird momentan mal wieder darüber diskutiert, dass man von der Tourberichterstattung absehen müsste. Aus welchen Gründen auch immer. Ich verstehe es nicht und finde allein die Diskussion schon absolut daneben. Da ist die ASO, der Veranstalter der Tour de France, die endlich mal zeigt, dass es jemand im Sportgeschäft ernst meint im Kampf gegen das Doping. Und nun soll man sie dafür mit Missachtung bestrafen? Wo ist da die Logik? Was wollen wir denn eigentlich? Ich persönlich will keinen Radsport sehen, wie bei den Pyrenäen-Etappen letzte Woche. Wo offensichtlich gedopte Fahrer dem Rest des Feldes auf der Nase rumtanzen. Die die sauberen Fahrer verhöhnt haben. Deswegen bin ich froh, wenn man diese dann des Dopings überführt und aus dem Verkehr zieht. Und diese Fälle jetzt bei der Tour zeigen doch, dass das System funktioniert. Dass sich die Fahrer eben nicht mehr sicher sein können, nicht erwischt zu werden. Das ist ein Erfolg und als solcher sollte es dann auch in den Medien dargestellt werden. Warum man dies nicht macht, verstehe ich beim besten Willen nicht. Entweder will man keinen sauberen Sport, oder aber man hat die rosarote Brille, mit der man den Sport betrachtet, noch nicht abgesetzt. Dann wird es aber Zeit.

Und wenn man schon über einen Boykott nachdenkt, dann doch mal bei den Veranstaltungen, wo man das Doping stillschweigend duldet. Oder nur alibimäßig dagegen vorgeht. Über einen Olympia-Boykott will ich dabei gar nicht reden. Wer sich sowas anschaut, ist ja selber schuld. Manchmal klingt es ja in der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender schon an. Dass die Spanier gerade Fußballeuropameister geworden sind und auch in anderen Sportarten momentan sehr stark sind. Auch weil in diesem Land selbst von staatlicher Seite das Doping unterstützt oder zumindest geduldet wird. Aber der Radsport ist ja momentan das leichtere Opfer.

Eine Anmerkung noch, ich bin natürlich nicht so naiv zu glauben, dass man bei der Tour alle Arten des Dopings finden könne und dass die Test allumfassend wären. Aber man befindet sich im Radsport trotzdem auf dem richtigen Weg, zumindest teilweise. Man kann den verseuchten Giro ja nicht mit der Tour vergleichen. In anderen Sportarten hat man allerdings noch nicht mal begonnen, auch nur einen Blick in die Richtung, die im Radsport eingeschlagen wurde, zu riskieren.

Wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen

Heute habe ich die Tour de France mal Tour de France sein lassen. Denn da gab es eh nichts zu sehen, bis auf ausgebrannte Autos. Und die Fahrer schienen das heute auch nicht so ernst zu nehmen. Hat man sich aber auch mal verdient. Und es war eh klar, dass der Bursche Cavendish gewinnen würde. Zurecht. Jedenfalls war ich mir dessen bald sicher. Deswegen habe ich mich lieber selbst aufs Rad gesetzt.

Das Wetter war dabei das totale Gegenteil von dem zuvor im TV gesehenen. Dort Hitze und strahlender Sonnenschein, hier unter 20°C, stark bewölkt und relativ kühler Wind. Ich liebe dieses Wetter ja, zumindest zum Radfahren. Und die Felder können ja selbst bei solchen Bedingung golden leuchten.

Goldenes Feld mit Kugeln drauf.

Goldenes Feld mit Kugeln drauf.


Es wurde dann aber auch schon dunkel, war ja auch schon spät. Deswegen kommen auch gleich die Fabelgeschichten, aber erst noch ein Bild.

Ein Blick zurück, gleicher Standpunkt wie das Feldbild.

Ein Blick zurück, gleicher Standpunkt wie das Feldbild.


Dann also zu den Tieren. Wenn man so spät unterwegs ist, begegnet man diesen häufiger. Hasen gab es gleich zwei. Der erste war schön, mit langen Ohren. Der zweite war so groß wie ein Kalb, unglaublich. Füchse gab es auch zwei, aber gleichzeitig. Die waren noch sehr jung und tollten auf dem Weg rum. Als sie mich bemerken, rannten sie sofort weg. Der eine nach links, der andere nach rechts. Hoffentlich haben die sich dann wiedergefunden. Mufflons habe ich auch gesehen, zum ersten Mal in meinem Leben. Also zum ersten Mal hier. Ich wusste zwar schon immer, dass es die hier in einem sehr begrenzten Gebiet gibt, aber gesehen habe ich die nie. Bis heute.

Die schönste Begegnung war aber die mit dem Jungen im Rollstuhl, der mich freundlich gegrüßt hat und über meine Antwort sehr erfreut war. Sowas passiert einem als Radfahrer zum Glück auch immer mal wieder.

Tourgedanken (4) – Extreme

Gestern stand bei der Tour der Col d’Extreme auf dem Programm. Das ging ja bei all der Dopingdiskussion mal wieder komplett unter. Aber es sind wohl alle gut über diesen Berg gekommen und es gab keine Aufgaben. Naja, nicht so ungewöhnlich, schließlich ist der Col d’Extreme gerade mal 251 Meterchen hoch.

Gipfelschild Col dExtreme

Gipfelschild Col d'Extreme

(Bildquelle)

Tourgedanken (3) – Gerechtigkeit

Endlich hat man ihn erwischt! Ganz ehrlich, so gefreut habe ich mich noch nie über einen Dopingfall. Da sitzt man vorm Fernseher und sieht diesen Riccardo Ricco, Spitzname Kobra, wie dieser am Berg allen davon fährt. Und möchte diesen Typen am liebsten vom Rad reißen, weil es völlig offensichtlich ist, dass da nicht alles sauber sein kann. Erstens kündigt dieser Fahrer, überhaupt als italienisches Großmaul bekannt, seinen Sieg schon Tage vorher an. Und dann fährt er völlig entspannt den Anstieg hoch, tritt dann einmal an und hängt alle ab. Ohne jede Mühe. Das kann kein sauberer Fahrer, so viel ist klar.

Und dann kommt immer wieder diese Geschichte. Der Herr Rico hätte von Natur aus einen so hohen Hämatokritwert, er hat ein Attest von der UCI dafür, das wäre alles ganz natürlich. Dass dies alles nur Lügen sind, ist ja jetzt endlich bewiesen worden.

Zum Glück hat sich sofort die gesamte Mannschaft Saunier Duval zurückgezogene. Diese Arschlöcher, man muss es so sagen, die die Etappe nach Hautacam versaut haben. Eine Etappe, die so schön und spannend hätte werden können. Die erste echte Bergankunft. Aber das Team Saunier Duval, im übrigen nicht unter den Teams, die sich zum Bündnis gegen Doping zusammen geschlossen haben, kündigte schon am Vortag an, welcher Fahrer gewinnen sollte. Und so kam es dann auch, man spielte Katz und Maus mit den anderen Fahrern. Und als Radsportliebhaber sitzt man dann fassungslos davor und fragt sich, wieso die heute noch sowas dürfen. Und ob die überhaupt ein Gewissen haben. Hoffentlich bekommen sie jetzt eine gerechte Strafe und man hört so schnell nichts mehr von dieser Mannschaft.

Tourgedanken (2) – Unglück und Dramatik

Das ist eben auch der Radsport. Man muss sich das mal klar machen, da fahren die um die 200 Kilometer durch Frankreich, sind gut 5 Stunden unterwegs, aber die wirklich dramatischen Situationen passieren erst kurz vor dem Zielstrich. Wenn die Fahrer schon am absoluten Limit sind. Wenn sie jeden Muskel im Körper spüren, wenn die Beine so schwer sind, dass man nur noch unbewusst tritt. Wer mal 5 Stunden ohne Pause auf einem Fahrrad saß, kann das nachvollziehen. Da spielt auch Doping so gut wie keine Rolle mehr.

Heute standen 195,5 km auf dem Programm und am Ende gab es eine Bergankunft. Kein wirklicher Berg, denn man war ja nur im Mittelgebirge, aber trotzdem anstrengend genug. Und es ist ja immer dramatisch, wenn der Fahrer im gelben Trikot stürzt. Noch dramatischer ist es, wenn er dadurch das gelbe Trikot verliert. Also nicht wortwörtlich, sondern der Verlust der Gesamtführung ist gemeint. Aber wenn dieser Fahrer 300 Meter vor dem Zielstrich stürzt und dadurch das Trikot verliert, das ist wohl einmalig. Dreihundert Meter, das sind gut 0,15% der Gesamtdistanz der Etappe, das ist eigentlich nichts. Die restlichen 99,85% hat die Mannschaft dieses Fahrers gearbeitet, ist wie doof durch die Landschaft gerast. Und haben es geschafft, ihren Teamkollegen in Gelb so gut an den letzten Anstieg zu bringen, dass dieser sogar um den Sieg mitfahren könnte. Aber der hat sich auf den Asphalt. Natürlich nicht freiwillig, aber mit Folgen. Dadurch verliert er ein paar Sekunden zu viel und ist die Führung los. Und damit das schöne gelbe Trikot.

Sturzfrei, aber nicht weniger dramatisch war es dagegen vorgestern. Es stand die längste Etappe auf dem Programm. 232 Kilometer, allerdings topfeben. Und da ist dieser französische Fahrer, der ganz in der Nähe des Zielortes wohnt. Das ist natürlich DER Tag für ihn bei der Tour. Er kennt diese Straßen ganz genau, schließlich ist das sein Trainingsrevier. Und es läuft sogar alles gut. Nach 11 Kilometern kommt es zum Ausreißversuch, erfolgreich. Drei Fahrer jagen vor dem Feld her. Einer davon auch aus dieser Gegend, vielleicht sogar ein Freund von unserem französischen Fahrer. Vielleicht ist man auf diesen Straßen bereits im Training miteinander gefahren. Und jetzt eben bei der Tour. Nach über 5 Stunden kommt das große Feld zwar immer näher an die Ausreißergruppe heran, aber ein bisschen Abstand ist immer noch. Sogar noch einen Kilometer vor dem Ziel. Unser französischer Fahrer nimmt sich nochmal ein Herz und greift an. Mit über 200 Kilometern in den Beinen, aber das haben ja alle an diesem Tag. Die Distanz zum Ziel wird immer kleiner und das Feld kommt nur ganz langsam näher, obwohl dort ein Höllentempo angeschlagen wird. Man kann nicht nachvollziehen, was in diesen Momenten in dem französischen Fahrer vorging. Falls er denn überhaupt noch in der Lage war, etwas zu denken. Aber man kann vielleicht ein wenig nachempfinden, wie groß seine Enttäuschung gewesen sein muss, als die ersten Fahrer des Feldes 50 Meter(!!!) vor dem Ziel an ihm vorbeirauschten. Und wahrscheinlich Freunde und Familie an der Strecke das Drama mit ansehen mussten. Der französische Fahrer hörte augenblicklich auf, in die Pedale zu treten.

Aber solche Geschichten gehen dann leider in der Statistik verloren. Da steht dann nur, dass am 9. Juli Nicolas Vogondy den 21. Platz belegt hat. Und am 10. Juli Stefan Schumacher mit 32 Sekunden Rückstand ins Ziel kam und damit in der Gesamtwertung nur noch den dritten Platz belegt. Mit 16 Sekunden Rückstand auf den neuen Gesamtführenden.

Tourgedanken (1)

Die ersten vier Etappen der diesjährigen Tour de France sind gefahren. Gestartet wurde diesmal mit einer richtigen Etappe statt eines Prologs. Meiner Meinung nach eine sehr gute Sache. Denn so ein Prolog, also ein kurzes Zeitfahren, hat sportlich gesehen recht wenig Wert. Und als Fernsehzuschauer hat man auch nichts davon. Nur für die Zuschauer an der Strecke ist das Ganze relativ spannend. Deswegen wurde die Prologe auch immer mehr aufgeblasen, zu riesigen Events. Aber so ein Spektakel wie letztes Jahr in London steht eben auch in Diskrepanz zum Stellenwert, die die Tour heute hat. Deswegen ist so ein Schritt zurück, ein Retro-Tourauftakt so zusagen, mit Sicherheit nicht falsch.

Nach dem ersten Zeitfahren gestern ist das Gesamtklassement auch erstmal sortiert worden. Und nun steht ein Deutscher ganz oben, darf also in Gelb fahren. Vor ein paar Jahren noch hätte die Presse diesen “Schumi auf dem Rad” mit solchen und ähnlichen Schlagzeilen in den Himmel gehoben. Heute wird erstmal die Vergangenheit des Radprofis durchleuchtet und die dunklen Flecken auf der Weste aufgezeigt. Kann man das in dieser Form gut heißen?

Meiner Meinung nach schon. Denn dieser Stefan Schumacher war nie ganz unumstritten. Zum einen sind da diversen Funde von Chemikalien in seinem Blut, die da nicht hingehören. Ebenso ein erhöhter Hämatokritwert kurz vor der WM 2007. Aber er wurde nie des Dopings schuldig gesprochen. Dann ist da aber noch eine zweite Sache, die mich persönlich an diesem Fahrer stört. Denn eigentlich hat der Herr Schumacher nichts im Profiradsport verloren, zumindest nicht zur Pollenflugzeit. Denn der Herr leidet unter starker Pollenallergie. Wie viele andere Radsportler auch. Denn die Medikamente gegen so eine Pollenallergie zählen eigentlich als Doping. Mit einem Attest kann man diese aber trotzdem nehmen. Der Herr Holczer, sportlicher Leiter des Teams Gerolsteiner, hat sich immer strikt gegen dieses “legale Doping” ausgesprochen. Hat immer gern auf die anderen geschimpft. Und dann den Herr Schumacher als Fahrer verpflichtet. Der meist kurz nach seiner Pollenallergiezeit seinen Leistungshöhepunkt hat. So wie eben gestern. Dagegen wollte der Herr Holczer einen Jörg Jaksche nicht verpflichtet, wegen ethischer Bedenken oder so. Weil der Herr Jaksche mal gedopt hat, dann aber gestanden und vor der Staatsanwaltschaft ausgepackt hat.
Dann viel Spaß mit dem gelben Trikot.

Aber es gibt auch Gutes zu berichten. So habe ich dank der Tour ein neues Schweizer Wort gelernt. Denn Exploit gibt es nicht nur im Englischen, sondern wird auch in der Schweiz verwendet, wenn es um den Sport geht. Nur werden solche großen Leistungssprünge im Radsport heute eher argwöhnisch, aber auf jeden Fall kritisch betrachtet. Zurecht. Ich hätte eh viel eher “dem Cancellara” den Sieg gegönnt, schon allein wegen dem Siegerinterview.