Tourgedanken – Schlussstrich

Österreich hat es nicht leicht in diesen Tagen. Nicht wegen den Fußballergebnissen und auch nicht, weil sich mal wieder ein Prominenter tot gefahren hat. Sondern weil der Sommertraum verpufft. Der Sommertraum des österreichischen Radsports. Was mir sehr leid tut. Besonders für Menschen wie meinem Freund Karim. Nicht leid tut es mir dagegen um jeden erwischten Doper. Selbst wenn man sich darüber im Klaren ist, dass die Fahrer doch nur die armen Schweine des Radsports sind.

Mit Bernhard Kohl hat es nun auch den zweiten Dopingfall im Team Gerolsteiner. Man muss aber mal bedenken, in welcher Situation die Fahrer dieser Mannschaft waren. Es war lange vor der Tour bekannt, dass Gerolsteiner als Sponsor im nächsten Jahr nicht mehr zur Verfügung steht. Und die Tour de France war die letzte Chance der Fahrer, sich noch mal gut zu präsentieren. Entweder um bei einem anderen Team einen Vertrag für die nächste Saison zu bekommen oder aber um mit einer guten Teamleistung einen neuen Sponsor zu finden und so das Team zu retten. Es ist im Radsport ja nicht so wie im Fußball, wo ein Spieler das Geld in den Hintern geblasen bekommt und er sich seinen Verein danach aussuchen kann, wo er möglichst viele Spiele absolvieren kann. Nein, im Radsport geht es um Existenzen. Ein Jahr Verdienstausfall kann sich, abgesehen von den paar Spitzenfahrern, keiner leisten. Und wie schwer der Kampf um den Arbeitsplatz sein kann, das kennen einige sicher aus eigener Erfahrung. Trotzdem ist Doping hier kein Ausweg, logisch.

Die wirklich traurige Nachricht kam aber gleich im Anschluss. Denn Bernhard Kohl ist der letzte Dopingfall der Tour de France 2008. Wer also, wie ich, auf echte Aufklärung und Aufdeckung gehofft hat, kann seine Hoffnungen wieder begraben. Fakt ist, es werden keine weiteren Blutproben untersucht. Das Ganze lief jetzt folgendermaßen ab. Es gab eine Liste von 14 Fahrern, die auffällige Blutwerte während der Tour hatten. Wer alles auf dieser Liste steht, ist nicht bekannt. Und die Proben dieser Fahrer wurden mit einem neuen Test nochmals untersucht und dabei drei Fahrer des Dopings überführt. Einen schalen Beigeschmack hat das Ganze, weil nicht klar ist, wer diese Liste erstellt hat, nach welchen Kriterien und wer alles auf dieser Liste war. Man wüsste ja schon gern, ob beispielsweise Fahrer der CSC-Mannschaft dabei waren, also der Mannschaft, die ja die Tour dominiert hat.

Hinter der Ankündigung, dass es keine weiteren Tests geben wird, könnte man auch schnell gewisse Absichten entdecken wollen. Aber ich denke der Grund dafür ist ziemlich profan. Diese Tests kosten viel Geld und Geld ist im Kampf gegen das Doping sehr knapp. Klar, die UCI, also der Weltradsportverband, hält das Geld dafür so knapp wie möglich. Schließlich leben diese Menschen vom Radsport und jeder Dopingfall gefährdet diesen. Und unsere Medien, also ARD und ZDF, denken lieber über einen Ausstieg von der Radsportübertragung nach. Was natürlich mit finanziellen Einbußen beispielsweise für den Tourveranstalter verbunden wäre. Geld, das in der Dopingbekämpfung dann fehlt. Stattdessen konzentriert man sich bei der Berichterstattung dann lieber auf Sportarten, wo es weniger Dopingfälle gibt. Weil dort weniger dagegen getan wird. Mehr Doppelmoral geht kaum, und das mit öffentlichen Geldern. Schade dass so etwas möglich ist.

Übrigens, der Herr Kretzschmar, dieser coole ehemalige Handballer mit den vielen Tattoos, hat sich jüngst für die Freigabe von Doping ausgesprochen. Wie bescheuerte diese Idee ist, darauf möchte ich nicht weiter eingehen. Aber es zeigt ganz gut, in was für einer Welt diese Profisportler leben. Meiner Meinung nach kann die Lösung nur lauten: Abschaffung des Profisports.

3 Kommentare zu „Tourgedanken – Schlussstrich

  1. wieder mal sehr treffend mein freund…. diesmal zwar sehr traurig, aber wie immer wahr. liebe grüßle aus dem land der ikonisierung fragwürdiger Politiker….

  2. Dankeschön. 🙂

    Ich bin ja froh, dass nun bekannt ist, dass der Herr H. sich besoffen tot gefahren hat. So kann ihn niemand zum Märtyrer oder so machen. War halt einfach nur ein Komplettdepp. Zum Glück hat er keinen anderen mit in den Tod gerissen.

  3. Gerade eben gefunden:

    Bernhard Kohl hat nicht lange gewartet. Nur zwei Tage nach der Veröffentlichung einer positiven Dopingprobe gestand der Österreicher: „Ich habe gedopt“. Tränenreich schilderte der suspendierte Gerolsteiner-Profi auf einer Pressekonferenz im „NH“ Hotel am Wiener Flughafen Schwechat, warum er mit dem EPO-Mittel CERA seine Leistung steigerte.

    „Schon Anfang des Jahres habe ich gewusst, dass Gerolsteiner aussteigen wird und ich mir ein neues Team suchen muss“, erklärte Kohl. Bei seinen beiden ersten Saisonhöhepunkten, dem Tirreno-Adriatico und der Dauphiné Libéré, sei er gestürzt, so dass er keinen Leistungsbeweis abgeben konnte. Kohl: „Deshalb habe ich die Tour de France als letzte Chance gesehen.“

    Schon öfter seien ihm bis dahin Dopingmittel angeboten worden, die angeblich nicht nachweisbar seien. Schließlich habe er zugegriffen.

    Kohl legt Wert darauf, dass ihm die Dopingmittel nicht aus seinem Umfeld angeboten und verabreicht worden seien. Ausdrücklich entschuldigt er sich bei seinem ehemaligem Teamchef Holczer und dem Rest des Gerolsteiner-Teams. Kohl: „Nein, es hat dort kein systematisches Doping gegeben. Holczer wusste auch von gar nichts.“

    Zum Schluss verkündete der abgestürzte Bergkönig der Tour: „Ich verzichte auf die Öffnung der B-Probe. Mit dieser Pressekonferenz möchte ich heute reinen Tisch machen“.

    Dafür gibt es meinen Respekt. Weil ein Geständnis leider die absolute Ausnahme ist. Und ich glaube ihm.

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