Tourgedanken (Abscheu und Ekel)

tdf_logoIn den letzten Tagen habe ich tatsächlich mal wieder ein bissl Tour de France geschaut. Weil ist ja die 100. und eigentlich ist in den letzten Jahren ja auch viel getan worden gegen das verdammte Dopingproblem. Und man muss dem Ganzen auch eine Chance geben und nicht alles verteufeln. Aber die heutige Etappe hat das alles vernichtet. Diese kranke Aufführung hat mich nur noch angeekelt. Wie da das Team Sky auf das Grab des Radsports spuckt, ist einfach widerlich. Ich hatte das Gefühl, auch den Kommentatoren und Experten bei Eurosport ging es nicht anders. Zumindest bilde ich mir ein, dies zwischen dem Gesagten herausgehört zu haben. Schade finde ich diese Verhunzung einer so wunderbaren Veranstaltung heuer vor allem auch für die deutschen Fahrer, die ja große Leistungen gezeigt haben. Hoffentlich sauber, aber zumindest mit mehr Respekt als die Vorstellung heute. Wer noch Zahlen zum Nachvollziehen meines Ekels braucht, gern. Froome hat heute die drittschnellste Zeit an diesem Anstieg, schneller als die schnellste Zeit von Jan Ullrich und schneller als die meisten Fahrten eines Lance Armstrong.

AX-3-DOMAINES (BONASCRE), ALL-TIME TOP 100 LIST
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Tourgedanken – Schlussstrich

Österreich hat es nicht leicht in diesen Tagen. Nicht wegen den Fußballergebnissen und auch nicht, weil sich mal wieder ein Prominenter tot gefahren hat. Sondern weil der Sommertraum verpufft. Der Sommertraum des österreichischen Radsports. Was mir sehr leid tut. Besonders für Menschen wie meinem Freund Karim. Nicht leid tut es mir dagegen um jeden erwischten Doper. Selbst wenn man sich darüber im Klaren ist, dass die Fahrer doch nur die armen Schweine des Radsports sind.

Mit Bernhard Kohl hat es nun auch den zweiten Dopingfall im Team Gerolsteiner. Man muss aber mal bedenken, in welcher Situation die Fahrer dieser Mannschaft waren. Es war lange vor der Tour bekannt, dass Gerolsteiner als Sponsor im nächsten Jahr nicht mehr zur Verfügung steht. Und die Tour de France war die letzte Chance der Fahrer, sich noch mal gut zu präsentieren. Entweder um bei einem anderen Team einen Vertrag für die nächste Saison zu bekommen oder aber um mit einer guten Teamleistung einen neuen Sponsor zu finden und so das Team zu retten. Es ist im Radsport ja nicht so wie im Fußball, wo ein Spieler das Geld in den Hintern geblasen bekommt und er sich seinen Verein danach aussuchen kann, wo er möglichst viele Spiele absolvieren kann. Nein, im Radsport geht es um Existenzen. Ein Jahr Verdienstausfall kann sich, abgesehen von den paar Spitzenfahrern, keiner leisten. Und wie schwer der Kampf um den Arbeitsplatz sein kann, das kennen einige sicher aus eigener Erfahrung. Trotzdem ist Doping hier kein Ausweg, logisch.

Die wirklich traurige Nachricht kam aber gleich im Anschluss. Denn Bernhard Kohl ist der letzte Dopingfall der Tour de France 2008. Wer also, wie ich, auf echte Aufklärung und Aufdeckung gehofft hat, kann seine Hoffnungen wieder begraben. Fakt ist, es werden keine weiteren Blutproben untersucht. Das Ganze lief jetzt folgendermaßen ab. Es gab eine Liste von 14 Fahrern, die auffällige Blutwerte während der Tour hatten. Wer alles auf dieser Liste steht, ist nicht bekannt. Und die Proben dieser Fahrer wurden mit einem neuen Test nochmals untersucht und dabei drei Fahrer des Dopings überführt. Einen schalen Beigeschmack hat das Ganze, weil nicht klar ist, wer diese Liste erstellt hat, nach welchen Kriterien und wer alles auf dieser Liste war. Man wüsste ja schon gern, ob beispielsweise Fahrer der CSC-Mannschaft dabei waren, also der Mannschaft, die ja die Tour dominiert hat.

Hinter der Ankündigung, dass es keine weiteren Tests geben wird, könnte man auch schnell gewisse Absichten entdecken wollen. Aber ich denke der Grund dafür ist ziemlich profan. Diese Tests kosten viel Geld und Geld ist im Kampf gegen das Doping sehr knapp. Klar, die UCI, also der Weltradsportverband, hält das Geld dafür so knapp wie möglich. Schließlich leben diese Menschen vom Radsport und jeder Dopingfall gefährdet diesen. Und unsere Medien, also ARD und ZDF, denken lieber über einen Ausstieg von der Radsportübertragung nach. Was natürlich mit finanziellen Einbußen beispielsweise für den Tourveranstalter verbunden wäre. Geld, das in der Dopingbekämpfung dann fehlt. Stattdessen konzentriert man sich bei der Berichterstattung dann lieber auf Sportarten, wo es weniger Dopingfälle gibt. Weil dort weniger dagegen getan wird. Mehr Doppelmoral geht kaum, und das mit öffentlichen Geldern. Schade dass so etwas möglich ist.

Übrigens, der Herr Kretzschmar, dieser coole ehemalige Handballer mit den vielen Tattoos, hat sich jüngst für die Freigabe von Doping ausgesprochen. Wie bescheuerte diese Idee ist, darauf möchte ich nicht weiter eingehen. Aber es zeigt ganz gut, in was für einer Welt diese Profisportler leben. Meiner Meinung nach kann die Lösung nur lauten: Abschaffung des Profisports.

Nachtrag zu den Tourgedanken

Die Tour de France 2008 ist zwar schon längst absolviert, bestimmt aber trotzdem noch die Schlagzeilen. Nicht in sportlicher Hinsicht, sondern beim Thema Doping. Und ich will mich ja jetzt nicht als Besserwisser hinstellen… ach doch, klar will ich das. Ich hatte es ja schon vorher gewusst. Hätten mal alle auf mich gehört. Selber schuld.
Jedenfalls wurden meine Vorurteile dem Herrn Stefan Schumacher gegenüber bestätigt. Denn es gibt wohl einen offiziellen Dopingfall Schumacher. Und ich muss ehrlich sagen, ich bin sehr froh, die Erfolge dieses Menschen damals ohne jede Emotion hingenommen zu haben. So muss ich heute nichts bereuen. Sollen solche Typen halt weiter betrügen, irgendwann kommt es halt doch raus. Hoffentlich. Zweiter Dopingfall ist übrigens der Herr Piepoli aus der, zum Glück nicht mehr existenten, Arschloch-Mannschaft.

Nun fragt man sich schon, ob man diese Funde positiv oder negativ beurteilen soll. Ob man nun den Radsport komplett beerdigen soll. Oder doch das positive an der Sache sehen? Fakt ist, dass hier auf ein Medikament getestet wurde, das vorher nicht nachweisbar war. Und die Fahrer hatten zu Beginn der Tour keine Ahnung, dass auch auf diese Verbindung getestet werden würde. Eine sehr ungewöhnliche Sache, wenn man sich den angeblichen Kampf des Dopings in der Vergangenheit mal genauer betrachtet. Und etwas, was momentan nur im Radsport möglich erscheint. Deswegen ist es für mich ziemlich klar, es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Jetzt Doper zu überführen, die sich damals allzu sicher waren. Genau diese Konsequenz braucht es, um überhaupt einen Kampf gegen das Doping zu führen. Und nicht diese Alibi-Tests aus vergangenen Zeiten. Ich hoffe man erwischt so noch mehr Betrüger.

Tourgedanken (Nummer hab ich vergessen, die letzten sind’s halt)

So, die Tour de France 2008 ist nun Geschichte. 145 Fahrer sind bis nach Paris gekommen. 35 sind auf der Strecke geblieben, aber den meisten davon geht es gut. Bis auf einen verwirrten Italiener, der, seit man in seinem Körper Stoffe gefunden hat, die da nicht hin gehören, nur noch dummes Zeug von sich gibt. Aber das hat er wohl auch schon vorher.

Gewonnen hat ein Spanier. Er hat knapp eine Minute weniger für die 3559,5 Kilometer benötigt als der Zweitplatzierte Cadel Evans. Der Australier hat nahezu perfekt die Rolle des Jan Ullrich übernommen. Vielleicht etwas weniger talentiert, aber auch zu nett und zu wenig kämpferisch, um zu siegen. Dafür musste er auch dann mit einem großen Plüschkänguru zur Siegerehrung statt mit eigenen Kindern, wie der Sieger Carlos Sastre.

Dieser Augenblick, die Siegerehrung in Paris, ist etwas einzigartiges. Sicher nicht so pompös wie eine aufgeblasene Pokalübergabe bei einem Fußballturnier. Dafür sieht man den Fahrer einerseits ihre Freude und Erleichterung an. Darüber, die Strecke geschafft zu haben. Und natürlich den Stolz über das Geschaffte. Und dann sind da noch die privaten Momente, die nicht versteckt werden. Dann steht eben auch der kleine Sastre mit auf dem Podium und wirft den Plüschlöwen des Sponsors genussvoll zu Boden.

Apropos Löwe, eigentlicher Gewinner dieser Tour ist ja ein Österreicher. Der gekämpft hat wie ein Löwe. Das war schon Wahnsinn, was dieser Bernhard Kohl geleitet hat. Ohne jede Frage. Mal schauen wie es mit dem Burschen weiter geht. Und mit seinem Team. Ob es da weiter geht. Verdient hätten sie es ja schon irgendwie.

Aber die Tour de France 2008 ist Geschichte. Und damit ist auch meine Sportsaison 2008 vorbei. Tschö Sport.

Tourgedanken (7) – Gewichtsprobleme

Als die Moderatoren bei Eurosport heut die Körpergewichte der vier Fahrer in der Spitzengruppe diskutiert haben, hab ich ja so gedacht, eigentlich ist es doch alles ganz simpel. Rein physikalisch gesehen gewinnt bei so eine Etappe, wo das Ziel direkt nach einer endlosen Abfahrt gelegen ist, der schwerste Fahrer. Und genau so kam es dann auch.

Trotzdem möchte ich kein Radprofi sein, die armen Menschen wiegen ja alle gut 10 Kilo weniger als ich.

Tourgedanken (6) – Ruhe nach dem Sturm

Das war ja was gestern, da hat man sich aber wirklich ein Päuschen verdient heute. Also nicht ich, sondern all die Menschen bei der Tour. Wobei Ruhetag ja nur bedeutet, einen Tag am selben Ort zu bleiben. Und auch wenn die Etappe gestern im Großen und Ganzen nicht so spannend war, der Schlussanstieg nach Prato Nevoso entschädigte dafür. Auf dem Papier sieht der gar nicht so gefährlich aus. 11 Kilometer mit durchschnittlich 6,9% Steigung, da lach ich als Mountain Biker ja eigentlich drüber. Auch wenn ich da nie so schell hochfahren werde, dass ich in einer Kurve stürzen könnte. Wobei mir das mit den breiten Reifen eh nie passieren würde. Wobei mit dem MTB auf der Straße fahren ja auch total doof ist.

Jedenfalls gab es da gestern endlich mal wieder Radsport, der glaubwürdig erschien. Nicht so wie in den Pyrenäen oder bei der Tour 2007. Gestern wurde Mann gegen Mann gekämpft. Und der Bursche unter den Männern, also Cadel Evans, hat Schwächen gezeigt. Aber es war wohl auch nicht sein Wetter. Wobei ihm so ein konstanter Anstieg eigentlich eher liegen sollte als richtige Rampen. Aber immerhin hat er bis ans Limit gekämpft, das macht ihn doch sympathisch. Und auch sein Free Tibet-Shirt unter dem Trikot.
Aber auch die anderen Fahrer in diesem Kampf waren beeindruckend. Wobei ich bei den CSC-Fahrern doch so ein wenig Zweifel habe. Aber ich glaube, wenn die medizinische Hilfsmittel benutzen, dann so schlau, dass sie nicht ans Äußerste gehen. Und so nicht Gefahr laufen, erwischt zu werden. Man weiß es nicht. Deswegen weiß man auch nicht, wo hoch nun wirklich die Leistung von Bernhard Kohl einzuschätzen ist. Das ist überhaupt das wirklich Traurige, dass man keiner erbrachten Leistung mehr traut und deswegen auch untereinander keine Vergleiche ziehen mag. Und trotzdem freue ich persönlich mich darüber, wenn ein so sympathischer Fahrer wie der Österreicher so ein Niveau zeigen kann. Er scheint ja selber darüber überrascht zu sein. Wäre schon ein schönes Bild, einen Österreicher im rot-weißen Bergtrikot am Sonntag in Paris zu sehen.

Hier noch meine persönliche Todo-Liste (ausgesprochen wie Dodo mit T) für den Ruhetag:

  • Traumjob besorgen
  • Tochter zeugen
  • Baum pflanzen
  • Haus bauen
  • das Coldplay-Orakel befragen
  • Fahrrad putzen

Tourgedanken (5) – Medienrummel

Überall (bei den Medien, die ich zum Großteil kenne, ist das vor allem Spiegel Online) wird momentan mal wieder darüber diskutiert, dass man von der Tourberichterstattung absehen müsste. Aus welchen Gründen auch immer. Ich verstehe es nicht und finde allein die Diskussion schon absolut daneben. Da ist die ASO, der Veranstalter der Tour de France, die endlich mal zeigt, dass es jemand im Sportgeschäft ernst meint im Kampf gegen das Doping. Und nun soll man sie dafür mit Missachtung bestrafen? Wo ist da die Logik? Was wollen wir denn eigentlich? Ich persönlich will keinen Radsport sehen, wie bei den Pyrenäen-Etappen letzte Woche. Wo offensichtlich gedopte Fahrer dem Rest des Feldes auf der Nase rumtanzen. Die die sauberen Fahrer verhöhnt haben. Deswegen bin ich froh, wenn man diese dann des Dopings überführt und aus dem Verkehr zieht. Und diese Fälle jetzt bei der Tour zeigen doch, dass das System funktioniert. Dass sich die Fahrer eben nicht mehr sicher sein können, nicht erwischt zu werden. Das ist ein Erfolg und als solcher sollte es dann auch in den Medien dargestellt werden. Warum man dies nicht macht, verstehe ich beim besten Willen nicht. Entweder will man keinen sauberen Sport, oder aber man hat die rosarote Brille, mit der man den Sport betrachtet, noch nicht abgesetzt. Dann wird es aber Zeit.

Und wenn man schon über einen Boykott nachdenkt, dann doch mal bei den Veranstaltungen, wo man das Doping stillschweigend duldet. Oder nur alibimäßig dagegen vorgeht. Über einen Olympia-Boykott will ich dabei gar nicht reden. Wer sich sowas anschaut, ist ja selber schuld. Manchmal klingt es ja in der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender schon an. Dass die Spanier gerade Fußballeuropameister geworden sind und auch in anderen Sportarten momentan sehr stark sind. Auch weil in diesem Land selbst von staatlicher Seite das Doping unterstützt oder zumindest geduldet wird. Aber der Radsport ist ja momentan das leichtere Opfer.

Eine Anmerkung noch, ich bin natürlich nicht so naiv zu glauben, dass man bei der Tour alle Arten des Dopings finden könne und dass die Test allumfassend wären. Aber man befindet sich im Radsport trotzdem auf dem richtigen Weg, zumindest teilweise. Man kann den verseuchten Giro ja nicht mit der Tour vergleichen. In anderen Sportarten hat man allerdings noch nicht mal begonnen, auch nur einen Blick in die Richtung, die im Radsport eingeschlagen wurde, zu riskieren.

Tourgedanken (4) – Extreme

Gestern stand bei der Tour der Col d’Extreme auf dem Programm. Das ging ja bei all der Dopingdiskussion mal wieder komplett unter. Aber es sind wohl alle gut über diesen Berg gekommen und es gab keine Aufgaben. Naja, nicht so ungewöhnlich, schließlich ist der Col d’Extreme gerade mal 251 Meterchen hoch.

Gipfelschild Col dExtreme
Gipfelschild Col d'Extreme

(Bildquelle)

Tourgedanken (3) – Gerechtigkeit

Endlich hat man ihn erwischt! Ganz ehrlich, so gefreut habe ich mich noch nie über einen Dopingfall. Da sitzt man vorm Fernseher und sieht diesen Riccardo Ricco, Spitzname Kobra, wie dieser am Berg allen davon fährt. Und möchte diesen Typen am liebsten vom Rad reißen, weil es völlig offensichtlich ist, dass da nicht alles sauber sein kann. Erstens kündigt dieser Fahrer, überhaupt als italienisches Großmaul bekannt, seinen Sieg schon Tage vorher an. Und dann fährt er völlig entspannt den Anstieg hoch, tritt dann einmal an und hängt alle ab. Ohne jede Mühe. Das kann kein sauberer Fahrer, so viel ist klar.

Und dann kommt immer wieder diese Geschichte. Der Herr Rico hätte von Natur aus einen so hohen Hämatokritwert, er hat ein Attest von der UCI dafür, das wäre alles ganz natürlich. Dass dies alles nur Lügen sind, ist ja jetzt endlich bewiesen worden.

Zum Glück hat sich sofort die gesamte Mannschaft Saunier Duval zurückgezogene. Diese Arschlöcher, man muss es so sagen, die die Etappe nach Hautacam versaut haben. Eine Etappe, die so schön und spannend hätte werden können. Die erste echte Bergankunft. Aber das Team Saunier Duval, im übrigen nicht unter den Teams, die sich zum Bündnis gegen Doping zusammen geschlossen haben, kündigte schon am Vortag an, welcher Fahrer gewinnen sollte. Und so kam es dann auch, man spielte Katz und Maus mit den anderen Fahrern. Und als Radsportliebhaber sitzt man dann fassungslos davor und fragt sich, wieso die heute noch sowas dürfen. Und ob die überhaupt ein Gewissen haben. Hoffentlich bekommen sie jetzt eine gerechte Strafe und man hört so schnell nichts mehr von dieser Mannschaft.

Tourgedanken (2) – Unglück und Dramatik

Das ist eben auch der Radsport. Man muss sich das mal klar machen, da fahren die um die 200 Kilometer durch Frankreich, sind gut 5 Stunden unterwegs, aber die wirklich dramatischen Situationen passieren erst kurz vor dem Zielstrich. Wenn die Fahrer schon am absoluten Limit sind. Wenn sie jeden Muskel im Körper spüren, wenn die Beine so schwer sind, dass man nur noch unbewusst tritt. Wer mal 5 Stunden ohne Pause auf einem Fahrrad saß, kann das nachvollziehen. Da spielt auch Doping so gut wie keine Rolle mehr.

Heute standen 195,5 km auf dem Programm und am Ende gab es eine Bergankunft. Kein wirklicher Berg, denn man war ja nur im Mittelgebirge, aber trotzdem anstrengend genug. Und es ist ja immer dramatisch, wenn der Fahrer im gelben Trikot stürzt. Noch dramatischer ist es, wenn er dadurch das gelbe Trikot verliert. Also nicht wortwörtlich, sondern der Verlust der Gesamtführung ist gemeint. Aber wenn dieser Fahrer 300 Meter vor dem Zielstrich stürzt und dadurch das Trikot verliert, das ist wohl einmalig. Dreihundert Meter, das sind gut 0,15% der Gesamtdistanz der Etappe, das ist eigentlich nichts. Die restlichen 99,85% hat die Mannschaft dieses Fahrers gearbeitet, ist wie doof durch die Landschaft gerast. Und haben es geschafft, ihren Teamkollegen in Gelb so gut an den letzten Anstieg zu bringen, dass dieser sogar um den Sieg mitfahren könnte. Aber der hat sich auf den Asphalt. Natürlich nicht freiwillig, aber mit Folgen. Dadurch verliert er ein paar Sekunden zu viel und ist die Führung los. Und damit das schöne gelbe Trikot.

Sturzfrei, aber nicht weniger dramatisch war es dagegen vorgestern. Es stand die längste Etappe auf dem Programm. 232 Kilometer, allerdings topfeben. Und da ist dieser französische Fahrer, der ganz in der Nähe des Zielortes wohnt. Das ist natürlich DER Tag für ihn bei der Tour. Er kennt diese Straßen ganz genau, schließlich ist das sein Trainingsrevier. Und es läuft sogar alles gut. Nach 11 Kilometern kommt es zum Ausreißversuch, erfolgreich. Drei Fahrer jagen vor dem Feld her. Einer davon auch aus dieser Gegend, vielleicht sogar ein Freund von unserem französischen Fahrer. Vielleicht ist man auf diesen Straßen bereits im Training miteinander gefahren. Und jetzt eben bei der Tour. Nach über 5 Stunden kommt das große Feld zwar immer näher an die Ausreißergruppe heran, aber ein bisschen Abstand ist immer noch. Sogar noch einen Kilometer vor dem Ziel. Unser französischer Fahrer nimmt sich nochmal ein Herz und greift an. Mit über 200 Kilometern in den Beinen, aber das haben ja alle an diesem Tag. Die Distanz zum Ziel wird immer kleiner und das Feld kommt nur ganz langsam näher, obwohl dort ein Höllentempo angeschlagen wird. Man kann nicht nachvollziehen, was in diesen Momenten in dem französischen Fahrer vorging. Falls er denn überhaupt noch in der Lage war, etwas zu denken. Aber man kann vielleicht ein wenig nachempfinden, wie groß seine Enttäuschung gewesen sein muss, als die ersten Fahrer des Feldes 50 Meter(!!!) vor dem Ziel an ihm vorbeirauschten. Und wahrscheinlich Freunde und Familie an der Strecke das Drama mit ansehen mussten. Der französische Fahrer hörte augenblicklich auf, in die Pedale zu treten.

Aber solche Geschichten gehen dann leider in der Statistik verloren. Da steht dann nur, dass am 9. Juli Nicolas Vogondy den 21. Platz belegt hat. Und am 10. Juli Stefan Schumacher mit 32 Sekunden Rückstand ins Ziel kam und damit in der Gesamtwertung nur noch den dritten Platz belegt. Mit 16 Sekunden Rückstand auf den neuen Gesamtführenden.

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